Freitag, 9. Oktober 2009

1/6

Fast zwei Wochen sind vergangen. Wie ich schon erwähnte, sollten wir letzte Woche Dienstag (29.09.) die Schüler der Ha Tanh School unterrichten. Es gibt zwei Klassen, die erste ist sehr schlecht, mit der anderen kann man schon ganz ordentlich arbeiten. Die zwei Ältesten von uns, beide um die 27 und schon fertig mit studieren, sollten etwas vorbereiten. Wir anderen haben zugeschaut, bzw. in der ersten Klasse mitgeholfen die Arbeitsaufträge durchzusetzen und den Schülern zu helfen. Nur wenige bringen von selbst etwas zu Blatt, die anderen können es entweder nicht oder haben davor nicht aufgepasst. Also wie ich von Insidern weiß, ist es in Vietnam so: alles was auf eine Privatschule oder -universität geht, hat nicht nur mehr Geld als andere, sondern ist einfach zu blöd oder faul für die normalen Schulen. Hört sich hart an, aber man merkt es halt einfach, auch bei den Studenten, die älter als wir sind. Die haben wir am folgenden Wochenende auch besser kennen gelernt, aber dazu später mehr. Diese Woche Dienstag (06.10.) war ich bei der zweiten Klasse eingeteilt und wir haben alle zusammen den Schülern Halloween nähergebracht, mit einem Text den sie lesen und nachsprechen sollten. Danach gab es Verständnisfragen dazu. Es ging ganz gut, wenn mal alle aufpassen kann man mit der zweiten Klasse schon was anfangen. Nächste Woche ist wohl auch klar wieviele neue Studenten es gibt und wie deren Stundenpläne aussehen, sodass wir dann bald mit unserer eigentlichen Aufgabe beginnen können.

Dann ist uns am Donnerstag (01.10.) große Ehre zuteil geworden. Tran Duong hat uns besucht und aus seinem Leben erzählt. Er ist als ein Kind der verdienstvollsten Parteifunktionäre in die DDR gefahren worden, damals noch mit dem Zug. Dort hat er Deutsch gelernt und eine Ausbildung gemacht. Er ist dem deutschen Volk (auch dem im Westen) seitdem zutiefst dankbar, was er eindringlich und mit glänzenden Augen wiederholte. Er freute siche sehr, dass wir diese Freundschaft als neue Generation aufrecht erhalten. Es war interessant ihm zuzuhören, aber gesehen habe ich ihn irgendwie schon als Teil vergangener Geschichte. Er war Journalist, auch einige Jahre Korrespondent in Berlin. Er verfasst auch viele Bücher, viele über Ho Chi, der ihn noch sehr prägte und er übersetzt auch viele deutsche Werke ins Vietnamesische, letztens "Deutschland ein Wintermärchen". Unsere Fragen hat er teils sehr ehrlich beantwortet, teils um Dinge herumgeredet. Er gab etwa zu, keine kritischen Texte in seinen Kolumnen zu verfassen. Als ich ihn fragte, wie denn die Jugend Ho Chi sieht, sprach er nur etwas von dem Jugendverlag, der wohl Bücher über diesen herausgibt, wie ich glaube hat Ho Chi keine Relevanz mehr für die Jüngeren, zu sehr locken westliche Werte und Lebensweise, die schon überall zu finden sind. Das Internet und Handys sind etwa sehr wichtig. Herr Duong wurde von einem Berater der Uni auf dem Gebiet Wirtschaft begleitet, auch er war in der Gruppe Kinder, die nach Deutschland kamen. Er wirkte ganz anders, viel mehr in der Gegenwart, was wohl mit seiner Arbeit zusammenhängt. Er war international als Berater in der Wirtschaft tätig und analysiert also dauernd Trends. Tran Duong arbeitet hingegen die Vergangenheit auf, interessant die beiden zusammen zu erleben.

Am Samstag (03.10.) war das Mittherbstfest (ursprünglich ein Mondfest aus China) ein Fest für Kinder. Wochen davor wird massig Spielzeug und riesige Kuschelbären verkauft. Und natürlich Mondkuchen, die es in ganz verschiedenen Teigarten und Füllungen gibt, von Fleisch bis Obst alles vertreten. Einige Studenten haben sich zu uns eingeladen, so wie zwei Mitarbeiterinnen der Uni, die gekocht haben: Frühlingsrollen (am leckersten!), Huhn (viel Arbeit zu essen, weil die Hühner hier mager sind und nur in kleine Stücke gehackt werden), Spinat (sehr lecker mit Knoblauch), Fisch und Reis. Wir saßen dann auf dem Wohnzimmerboden und haben gegessen, da der Tisch nicht groß genug für alle war. Das Essen war also gut. Dann haben unsere Studentenfreunde ihren Vodka ausgepackt, der neben dem guten "Bia Ha Noi" einige Male herumging während dem Essen. Und schon nach einer Stunde ging es den Viets nicht mehr gut, weil sie nicht wissen wie viel sie vertragen und viel zu schnell trinken. Nach und nach verabschiedeten sich die männlichen Studenten also in Richtung Klo, einer (wir nennen ihn "Coolio") verbrachte auch die Nacht dort, weil er nicht mehr stehen konnte (ich lade mal ein Video bei youtube hoch, sehr amüsant). Uns ging es Dank Erfahrung und gesunder Selbsteinschätzung allen gut, so konnten wir auch den leckeren Nachtisch genießen, den uns die fleißigen Mädchen kredenzten (in Vietnam können die jungen Frauen noch was in der Küche und trinken keinen Alkohol). Alles in allem ein wunderbarer Abend und gelungener Kulturaustausch, jedoch waren wir etwas ratlos, als wir um halb 10 wieder alleine waren, denn da gehts ja bei uns in Deutschland gerade mal mit Vorglühen los. Für die Kinder des Viertels gab es auf dem Sportplatz gegenüber eine Musikshow.

Diese Woche waren wir nach dem Unterricht einige Male im alten Viertel. Mir gefällt es dort mittlerweile gut, nachdem der erste Eindruck abschreckend war (wie ich im letzten Post das "Touri-Viertel" beschrieben habe). Man gewöhnt sich daran oft angesprochen zu werden und gewöhnt sich ein "Nein" an, bei dem die Verkäufer sofort merken, dass nichts zu holen ist. Sonst lockt das Viertel mit schönen Cafés, Bars und Läden, zB die CD/DVD Läden, bei denen man günstig viel bekommt, natürlich alles original. Und es gibt dort auch den besten Döner der Stadt, bei Aladdins Kebap! Vom Geschmack kommt er fast an deutsche Standards heran, er verwendet sogar richtiges Fladenbrot, im Gegensatz zu den Brötchen die sonst verwendet werden. Heute (09.10.) haben wir uns in verschiedenen Büros von Reiseveranstaltern Angebote für einen Trip zur Ha Long Bucht machen lassen, dort werden wir voraussichtlich das nächste Wochenende verbringen.

Nun noch zu meiner Unterkunft. Die Uni war für die Unterbringung zuständig. Das Gästehaus, das uns erst versprochen wurde, stand wegen dem Vermieter doch nicht zur Verfügung, so haben sie uns das jetzige kurzfristig organisiert. Hier gibt es keine Möbel, außer im "Wohnzimmer" und der Küche. So schlafen wir auf Matratzen auf dem Boden und leben aus dem Koffer. Unsere Wäsche trocknen wir auf Wäscheleinen, die durchs Zimmer gespannt sind. In einem Zimmer schlafen 2-3 Leute, also auch nicht gerade komfortabel. Klimaanlagen haben wir auch nicht (das ist das erste was sich der Vietnamese kauft, sobald er das Geld dazu hat). Außerdem ist es ab 05:30 Uhr laut, weil auf dem Sportplatz Lautsprecherdurchsagen zum Morgensport rufen und spätabends Schweine durch die Gassen getrieben werden, zusätzlich zu den Mopeds die ständig zu hören sind. Nach Gastfamilien wird zwar gesucht, aber es finden sich wenige und die wollen dann vorzugsweise Mädchen. Und es wird als selbstverständlich gesehen, dass wir dann die Familie in Englisch unterrichten. Jetzt hat sich sogar eine gemeldet die nur ein Mädchen aufnehmen, das Französisch sprechen kann. Also alles etwas seltsam, deswegen habe ich mir mit Jessi zusammen ein Zimmer gesucht. Morgen übernehmen wir das Zimmer von Matt, 27, Burnout Opfer der amerikanischen IT-Branche, der hier einige Monate "einfach gelebt" hat. In den beiden anderen Schlafzimmern wohnen Dave, er finanziert sich hier als Englischlehrer, und ein Tscheche. Die Wohnung ist zwar teurer als unser jetziges Haus, aber es lohnt sich. Es ist für Hanoi extrem ruhig, es gibt einen schönen Balkon, eine gute Küche, wir haben ein eigenes Bad und es ist voll möbliert! Einige Meter von der Haustür entfernt ist ein schöner See, ein Stück weiter wird gerade der alte Lenin-Park neu gebaut. Und ein japanisches Restaurant ist auch vor der Haustür. Ein Mopped werde ich mir demnächst zulegen, dann ist das Kapitel Busfahren auch endlich abgehakt, wie mit der Wohnung: für den Anfang OK, aber für länger nicht.


Euer Adrian

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hallo! Schön, dass du mitliest.
Ich freue mich über deine Gedanken dazu!
dein Adrian